Q&A zum Ende der Unterstützung von Postscript-Type-1-Schriften bei Adobe

Screenshot aus InDesign mit der Meldung, dass zukünftig keine Type-1-Schriften unterstützt werden.

Die Aufregung war groß, als Adobe ankündigte, ab Januar 2023 die Unterstützung von Postscript-Type-1-Schriften (nachfolgend PS1) einzustellen. In diesem Blog-Beitrag versuche ich die wichtigsten Fragen dazu zu beantworten.

 

Ein bisschen Geschichtsunterricht

Postscript ist eine Technologie, die 1984, also vor 38 Jahren, von Adobe vorgestellt wurde. Zur damaligen Zeit war Postscript eine Sensation, die letztendlich dem DTP zum Durchbruch verhalf. Allerdings hat sie aus heutiger Sicht auch einige Nachteile. Die zwei wichtigsten aus Anwender:innen-Sicht: Man benötigt unterschiedliche Dateien für Mac und Windows, und es gibt eine Limitierung auf 256 Zeichen pro Zeichensatz.

Adobes Lizenzpolitik und die genannten und weitere Nachteile führten dazu, dass Apple in den 1990er Jahren eine neue Technologie entwickelte namens TrueType. Zunächst existierten beide Formate nebeneinander. Anders als Postscript wurde TrueType aber weiter entwickelt zu OpenType mit den vielen Möglichkeiten, die heute selbstverständlich sind, aber PS1-Schriftdateien nicht ermöglichen: Über 65.000 verschiedene Zeichen (Glyphen) pro Schrift-Datei, eine gemeinsame Datei für alle Betriebssysteme, Zahlenvarianten, bedingte Ligaturen und und und. Der nachfolgende Screenshot aus InDesign verdeutlicht ein wenig, was alles möglich ist.

Screenshot aus InDesign, der die Möglichkeiten von OpenType zeigt

 

Auch Adobe erkannte, dass dies die bessere Technologie ist, entwickelte den neuen Standard mit und wies schon 2005 darauf hin, dass sie die Unterstützung der PS1-Schriften über kurz oder lang beenden werden – ohne ein genaues Datum zu nennen [Link]. Nun ist es soweit.

Zusammengefasst: Nach 38 Jahren gehen PS1-Schriften nun also verdient in Rente. Sie haben in ihrer »Jugend« DTP zum Durchbruch verholfen, sind aber zu limitiert, um die heutigen Anforderungen zu erfüllen.

 

Warum beendet Adobe die Unterstützung in InDesign und Illustrator?

Adobes offizielle Stellungnahme dazu: »Die meisten Browser und mobilen Betriebssysteme unterstützen keine Type 1-Schriften. Ähnlich wie bei Adobe werden die meisten Betriebssysteme die umfangreicheren technischen Möglichkeiten von Schriften im OpenType-Format unterstützen und die Unterstützung für das Type-1-Format beenden.« [Link]

Daraus könnte man jetzt im Umkehrschluss folgern, dass zukünftig InDesign & Co (nur noch? oder auch?) im Browser laufen werden, aber dazu gibt es keine Informationen. Es ist aber so, dass sich auch InDesign in Richtung Browser bzw. Cloud entwickelt (beispielsweise mit Funktion »Publish Online« oder der verstärkten Integration der Creative Cloud) und darum mit dem Beenden des Supports für PS1 nun alte Zöpfe abgeschnitten werden, die eine Weiterentwicklung in diese Richtung behindern würden.

Thomas Phinney vertritt darüber hinaus die These, dass »Harfbuzz« dazu beiträgt, PS1 nicht mehr zu unterstützen. [Link] Harfbuzz ist eine Grafikbibliothek für »text shaping« im Browser, die insbesondere für »Non-Latin«-Schriften hilfreich ist – und unterstützt auch keine PS1-Schriften. Ich habe mich mit Harfbuzz noch nicht beschäftigt und kann darum keine Einschätzung abgeben, ob an Thomas Phinneys These etwas dran ist und wie wichtig das für Adobes Entscheidung war.

 

Es gibt auch OpenType-Schriften, die »Type 1« als Zusatz haben. Sind die auch betroffen?

Es gibt Schriften vom Typ »OpenType Type 1«. Diese sind trotz des verwirrenden Namens OpenType und nicht Postscript Type 1. Adobe hat das Problem erkannt und will zukünftig den Begriff »OpenType CFF« benutzen.

 

Stellen auch andere Unternehmen die Unterstützung von Type-1-Schriften ein?

Ja. Microsoft Office kann schon seit 2013 (Windows) bzw. 2016 (Mac) nichts mehr damit anfangen, LibreOffice seit 2017. Allgemein wird erwartet, dass Apple & Microsoft bei ihren Betriebssystemen gewartet haben, dass Adobe diesen Schritt macht, um dann auch nachzuziehen.

Bei Photoshop werden übrigens die PS1-Schriften schon seit 2021 nicht mehr unterstützt – ohne dass es damals einen so großen Aufschrei gab wie jetzt. InDesign und Illustrator sind also eigentlich nur Nachzüglerinnen.

 

Muss ich etwas tun, wenn ich aktuell noch Postscript-Type-1-Schriften nutze und zukünftig weiter nutzen will?

Nach der Aussage von Adobe werden ab Januar 2023 die dann neuen Programm-Versionen von InDesign und Illustrator die PS1-Schriften nicht mehr unterstützen. Alle Programmversionen, die bis Dezember 2022 erscheinen, sollen weiterhin damit funktionieren. Also: Ab Januar 2023 kein Update machen oder die alten Programm-Versionen zusätzlich auf dem Computer behalten und mit denen arbeiten, wenn PS1-Schriften benutzt werden sollen.

 

Was passiert, wenn ich nach Januar 2023 ein Dokument mit einer PS1-Schrift in InDesign öffne?

InDesign (Versionen ab Januar 2023) wird anzeigen, dass die Schrift fehlt. Die PS1-Schriften werden auch nicht mehr im Schrift-Menü angezeigt.

 

Was ist mit PDF-Dateien?

PDF-Dateien, in die PS1-Schriften eingebettet sind, können wie bisher weiter genutzt, also gedruckt, angezeigt und in InDesign platziert werden. Will man die Datei aber bearbeiten (zum Beispiel mit Illustrator öffnen), kommt die Meldung über eine fehlende Schrift.

 

Kann ich Postscript-Type-1-Schriften zu OpenType konvertieren?

Jein. Es gibt eine Reihe von Programmen, mit denen man Schriften von PS1 zu OpenType konvertieren kann. Allerdings verbieten die allermeisten Schrift-Lizenzen (EULA genannt) das Konvertieren. Darum nenne ich hier auch keine Programme.

Und ob beim Konvertieren beispielsweise die Kerning-Infos sauber übernommen werden, ist auch fraglich.

Besser ist es, beim jeweiligen Schriftanbieter (wenn es den noch gibt) nachzufragen, ob er für kleines oder kein Geld OTF-Versionen der alten Schrift zur Verfügung stellt.

 

Kann es Probleme geben, wenn ich meine alte PS1-Schrift durch die neue OpenType-Version ersetze?

Technische Probleme sind nicht zu erwarten. Die Schriftanbieter haben ihre Fonts aber weiter entwickelt. Darum können Kerning, Ligaturen usw. leicht anders sein als bei der alten Version und so beispielsweise zu einem anderen Umbruch führen. Vielleicht wurden auch irgendwelche Sonderzeichen oder Symbole, die in der PS1-Schrift eingebaut wurden (wo ja nur 256 Glyphen möglich waren), auf einen anderen, sinnvolleren Platz verschoben. Also besser alles nochmal kontrollieren.

Die Vorteile des neuen Schrift-Formats überwiegen: Nicht nur, dass so gut wie immer das Euro-Zeichen eingebaut wurde – die Älteren erinnern sich an diesen Euro-Zeichen-Font, den man ständig benutzen musste… Die bei OpenType zur Verfügung stehenden 65.536 Glyphen-Plätze erlauben darüber hinaus einiges an zusätzlichen bzw. alternativen Buchstaben, (Sonder-)Zeichen, Symbolen und vielem mehr, was mit PS1-Schriften unmöglich war. Auch ein besseres Kerning oder viele Ligatur-Varianten lohnen bei den meisten Schriften den Umstieg hin zu OpenType.
Darum empfehle ich, die Postscript-Type-1-Schriften hinter sich zu lassen und auf OpenType umzusteigen.

Tipp: Wer sich so langsam auf die neue Zeit einstellen will, kann bei InDesign ein Script von Gregor Fellenz installieren, das beim Öffnen einer InDesign-Datei eine Meldung anzeigt, sollte diese Postscript-1-Schriften enthalten. [Link]

 

 


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Stand: 01.09.2022

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Quellen:

https://blog.typekit.com/2005/10/06/phasing_out_typ/

https://helpx.adobe.com/de/fonts/kb/postscript-type-1-fonts-end-of-support.html

https://link.klute.io/QKfjff

https://de.wikipedia.org/wiki/PostScript-Fontformate

https://harfbuzz.github.io